Christoph Baumann

Seit Mond und Venus ihre Bahnen gehen hat man was Bessres nicht als Wein gesehen.
Mich wundert's nur, dass einer Wein verkauft. Was kann er Bessres denn dafür erstehen.

Omar Chaijim, (1048 bis 1131),
persischer Mathematiker, Astronom und Dichter

Christoph BaumannsIch weiß genau, es war ein Donnerstag. Einer dieser Tage, an denen das Gefühl immer stärker wird, ihn am besten gleich wieder zu vergessen, obwohl er noch gar nicht zu Ende gegangen ist.

Man fährt schon morgens in Gedanken ganz woanders und dann bei Rot über die Ampel, nichts passiert, nur irgend so ein Idiot steht an der Kreuzung und klatscht höhnisch Beifall. Und wenig später hockt eine Eule am Straßenrand, die einen - anstatt vor dem Wagen wegzufliegen - mit großen Augen anstarrt. Und wieder später sieht man ein Flugzeug im Sinkflug auf die Stadt und fängt an zu zittern. Und die Füße beginnen wie verrückt zu jucken und ein Kind, dessen Gesicht man nah bei sich wünscht, ist plötzlich wie vom Erdboden verschwunden. Und dann torkelt noch ein Berber mit einer Flasche Wein in der rechten Hand auf einen zu und bevor der irgendein Wort zu einem sagen kann, schreit man ihn an, man habe überhaupt keine Zeit, und muss dann hören "aber genau deshalb möchte ich dich ansprechen".

Und das alles am selben Tag!
Es war die Flasche Wein in der Hand des Berbers, die mich auf die Idee brachte, diesen Donnerstag, den ich eigentlich schon vergessen wollte, zu retten - koste es was es wolle. Ich fuhr ins Weinhaus Franz Mühlbauer - ich weiß nicht, ob Sie es kennen -, um mir in jedem Fall eine Flasche Four Roses zu kaufen, einen Kentucky Straight Bourbon Whiskey, den Franz - so darf ich den Inhaber des Weinhauses Mühlbauer nennen, seit uns bei einer zufälligen Begegnung während eines Spaziergangs durch die Kroner Heide ein toter Hase erklärte, wie man einen falschen seiner Art richtig zubereite - eigentlich gar nicht in seinem Sortiment führt, ihn mir aber immer dann besorgt, wenn ich ihn darum bitte, meist in wachsender Verzweiflung darüber, dass mir auf die Frage, was ich in meinem Leben noch nicht gesehen habe, keine Antwort in den Sinn kommt.

Aber ich verliere mich.

Ich kam also ins Weinhaus und hatte das erste Glück dieses Donnerstages. Es war kein anderer Kunde da. Franz bugsierte mich gleich in die gemütliche Sitzecke des Hauses, drückte mich auf den Stuhl und sagte "ich bringe dir einen Espresso". So lassen sich die Widersprüche des Lebens ertragen, ohne dass man sie aufheben muss: In ein Weinhaus gehen und erst einmal einen Espresso trinken. "Wie geht es dir?" rief er aus dem Hinterzimmer, in dem die Kaffeemaschine stand.
"Ich nehme heute auf jeden Fall einen Four Roses mit." Antwortete ich.
Ich hörte Franz kurz, aber verständnisvoll lachen, ließ meine Blicke über die Etiketten der französischen Weine schweifen, unternahm auf die Schnelle eine Proseccoreise nach Italien, baute die Festung an Weinkisten, die einen größeren Teil des Geschäftsraums einnahm, zu einer Pyramide auf. Es gibt nicht viele Orte wie Franzens Weinhaus, eine kleine weite Welt, wo man in einem Moment so nah bei sich sein kann und im selben in Klein Constantia am Kap der guten Hoffnung. Hals über Kopf hatte ich den Eindruck, als wollte es draußen nicht dunkel werden. Franz brachte den Espresso und setzte sich zu mir, "müde?"
"Sehr. Weißt du, heute ist einer dieser Tage, die ich eigentlich am Mittag schon vergessen wollte."
"Kenne ich." Sagte er.
"Kennst du?" Fragte ich zurück.
Er nickte.
Wir hingen eine Zeit lang und still unseren eigenen Gedanken nach, aber vielleicht waren es auch dieselben. Ich stieß ein Lachen aus. Franz sah mich freundlich an. "Gerade dachte ich", sagte ich laut, "wie schön es wäre, ein Extrakt von deinem Weinhaus in meinem Keller zu haben, so eine Sammlung von Lebenssäften aus aller Welt, von Geheimniselixieren aus Sonne und Wasser, Schatten und Erde, aus Ideen und Arbeit, Geduld und Kampf, Strenge und Verschwendungssucht, aus Zeithaben und Zeitvertreib, aus Süße und Säure, Geschichten von Wein und Krieg, von Wein und Gott, von Wein und Liebe, von Wein und Eltern, von Wein und Kindern, von Wein und Eremiten, von Wein und Nomaden, von Wein mit Holz, Wein mit Kork, Wein mit Stahl, Wein mit Glas, Wein mit Plastik, Geschichten von virtuellem Wein - und das alles in meinem kleinen Keller."
Franz sah mich immer noch freundlich an: "Kein Problem mit dem Weinkeller. Aber vielleicht solltest du erst einmal für ein paar Tage die Arbeit ruhen lassen. Dafür gebe ich dir nachher einen Netzl Anna-Christina 1999 mit, einen Wein aus dem alten Jahrtausend."
Jetzt nickte ich und dachte, ein paar Gesten weiter möchte ich sein, aber weiter kam ich mit diesem Gedanken nicht, denn eine Frau betrat das Weinhaus. Ich bedeutete Franz mit einer Geste, dass er mich ruhig allein lassen und sich um die neue Kundin kümmern könne. Er stand rasch auf und ging so auf die Frau zu, dass ich glaubte ihn reden zu hören "liebe Weinfreundin, schön, dass Sie in mein Haus gekommen sind, was kann ich für Sie tun". Aber diese Worte benutzte er nicht, er sagte "Grüße Sie" in einer Weise, die jeder, der ins Weinhaus Mühlbauer kam, sofort zu schätzen wußte. Die Frau grüßte zurück und mit dem ersten Ton ihrer Stimme hatte ich wieder das Gefühl, dass es draußen nicht dunkel werden wollte. Hier und jetzt stimmte irgendetwas ganz und gar nicht, da war ich mir sicher. Ich drückte mich tief in den Stuhl, beseelt von dem Wunsch, mich unsichtbar machen zu können.

Ich will ohne Beschönigung und ohne auch nur einen I-Punkt von der Wahrheit abzuweichen, berichten, was dann passierte, aber alle, die meinen Bericht hier hören, müssen mir in die Hand versprechen, dass Sie nichts von dem weitertragen. Versprochen?

"Was kann ich für Sie tun?" fragte Franz die Frau.
"Nichts." Erwiderte sie.
"Sie wollen sich erst einmal umsehen?"
"Was interessiert Sie das?"
"Mich interessieren meine Kunden."
"Ich bin nicht Ihre Kundin."
"Noch nicht."
"Was macht Sie sicher, dass ich ihre Kundin werde."
"Mit welchem Gefühl sonst sollte ich meinen Handel treiben."
Die Frau sah Franz eindringlich an. Dann schlug sie ihn ins Gesicht und sagte, ohne dass ihrer Stimme Aufregung oder Anstrengung anzuhören war, "mit Schmerz vielleicht?"
Ich konnte sehen, wie Franz zurückschlagen wollte, und sprang auf. Franz und die Frau sahen mich an. Ich mußte mich wieder setzen, mir wurde schwindelig bei diesem Anblick. Franz senkte seinen Kopf und richtete ihn dann wieder auf. Die Frau tat das Gleiche. Ich machte es ihnen nach.

Was soll ich sagen? Versuchen Sie es selbst!

"Ja, mit Schmerz auch." Sagte Franz. Er hörte sich gefaßt an, ohne jede Freundlichkeit, ungewohnt für mich. "Möchten Sie etwas probieren?"
"Was sollte ich schon probieren?"
Jetzt sah Franz die Frau eindringlich an. Und die beiden und auch ich wußten, was geschehen würde. Aber niemand war da, der Einhalt hätte gebieten können. Franz schlug die Frau ins Gesicht und beantwortete ruhig ihre Frage: "Schmerz vielleicht?"
"Ja, Schmerz." stimmte die Frau sofort zu.
"Warten Sie." sagte Franz leise zu ihr und holte ein Viertel Glas zehnjährigen Bairrada.
Die Frau trank das Glas in einem Zug leer.
"Sie wollen gar nicht verkosten. Sie wollen trinken." Jetzt lächelte Franz wieder.
"Was verstehen Sie denn schon!" erwiderte die Frau, tat so als ließe sie gleich das Glas fallen.
Franz ging auf die Provokation nicht ein. "Wissen Sie, ein guter Bairrada ist absolut kompromisslos. Den Sie hier getrunken haben, ist von einem Winzer, dessen unzugängliche Weinberge nicht mit Maschinen bearbeitet werden können. Stellen Sie sich die Arbeit der Menschen vor, deren Sprache Sie nicht sprechen und deren Traditionen und Visionen Sie nicht kennen. Stellen Sie sich eine Region vor, in die Sie noch nie gereist sind. Ich hole Ihnen noch ein Glas. Dann geht es leichter."
"Ich will nichts mehr trinken."
Franz ließ sich nicht weiter beirren. "Was kann ich also Anderes für Sie tun? Suchen Sie vielleicht ein Geschenk?" Fragte er freundlichst.
"Was interessiert Sie das?" fragte die Frau in freundlichem Ton zurück.
"Wie soll ich Sie beraten, wenn Sie mir nicht sagen, was Sie wollen?"
"Vielleicht will ich ja Ihre Beratung nicht."
Franz verbeugte sich mit einer Geste der Demut, "vielleicht."
"Ich nehme eine Flasche von dem Wein, den Sie mich haben probieren lassen."
Franz packte die Flasche ein als solle sie ein Geschenk für die Kaiserin von China werden. "Sie schenken es sich selbst, nicht wahr?" Forderte und fragte er zugleich, erhielt aber keine Antwort.
Die Frau bezahlte.
Franz eilte ihr voraus und öffnete ihr die Tür, "ich hoffe, Sie beehren mich bald wieder."
Die Frau blieb in der offenen Tür stehen. "Bitte entschuldigen Sie, dass ich Sie geschlagen habe", sagte sie, fügte schnell hinzu: "Und bitte entschuldigen Sie sich nicht für Ihr Schlagen. Und bitte: Sagen Sie mir, warum Sie Weinverkäufer sind?"
"Ganz wie Sie wünschen: Ich nehme ihre Entschuldigung an, entschuldige mich selbst aber nicht, und ich bin Weinverkäufer, weil ich Welten verkaufe, die ich in Wirklichkeit gar nicht verkaufen kann, und weil mir dabei Menschen begegnen, die mehr zu sagen haben als Antworten auf meine Fragen."
"Gut so" sagte die Frau und ging.
"Gut so", sagte Franz und ließ die Tür zufallen.

Er kam auf mich zu als wüßte er kein weiteres Wort zu sprechen. Aber schließlich sagte er: "Hast du gemerkt: Zwischendurch wollten etliche Leute ins Weinhaus, ja manche hatten sogar den Türgriff schon in der Hand. Doch letztendlich trat niemand von ihnen ein."
"Nein", sagte ich, "darauf was draußen geschah, habe ich nicht geachtet."

Später wurde es dann doch dunkel und der Donnerstag ein Tag, den ich nicht vergessen werde: der Idiot, die Eule, das Flugzeug, die Füße, das Kind, der Berber, die Frau, Franz, Schläge ins Gesicht, ein erträumter Weinkeller, die Flasche Netzl Anna-Christina 1999, mit der ich nach Hause fuhr ... und die Flasche Four Roses, die ich dann doch vergaß - so als verlange jeder Tag geradezu einen Tribut an Vergessen.

Christoph Baumanns

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