Markus von Hagen


Markus von HagenEine äußerst angenehme Vorstellung:
Da probiert man genüßlich ein gutes Glas Wein aus Österreich oder Deutschland, erfreut sich dazu an Liptauer und Kartoffelkäse, ergeht sich in Urlaubsträumen oder sinniert über die tiefgründige Beziehung zwischen Österreich und Deutschland. Eine Beziehung, die sich auch an den Weinen der beiden Länder ablesen lässt.

All das bot Weinakademiker Kurt Fallnit auf der "deutsch-österreichischen Winzerjaus'n" am Samstag, den 15. Juni, von 11.30 bis 14.30 Uhr in seinem Grevener Weinhaus.

Ob Riesling oder Welschriesling: die Wahl war ein Vergnügen. Sie wurde garniert mit den treffsicheren Pointen des Münsterschen Kabarettisten Markus von Hagen (Bild rechts), der selbst einige Jahre in Wien gelebt hat und seine höchst amüsanten Gedanken im Weinhaus Fallnit zum Besten gegeben hat:

Ein Kabarettist sagte vor ein paar Jahren: "Österreich hat keine Geschichte mehr, es macht keine Geschichten mehr, und wenn schon, dann höchstens G'schichten aus dem Wienerwald" - Was wollen uns diese Worte sagen? Auf Anfragen erklärte er, er meinte damit, daß Österreich keine Geschichte hat, weil das Ausland zu wenig Notiz vom politischen Geschehen im Land nimmt. Es macht keine Geschichten mehr, das muß man übersetzen. Geschichten machen heißt ins Hochdeutsche übersetzt, jemanden ärgern. Das klingt ja eigentlich ganz freundlich, aber für den Österreicher heißt bekanntlich jemanden ärgern, also Geschichten machen, auch Geschichte machen, d.h. die großen historischen Entwicklungen zu beeinflussen. Was bleibt also: Die G'schichten aus dem Wienerwald; die Welt versteht heute unter Österreich nurmehr Straußwalzer, Schubertlieder und Mozartopern.

Das kann man so nicht stehen lassen.
Immerhin brachte Österreich zwei Ritter hervor, den edlen und den letzten. Und - in Österreich ist ein hervorragendes Weinland.

Warum ist Österreich ein Weinland?
- Es war immer schon ein Durchzugsland: Schweiz - Ungarn, Deutschland - Italien, Tschechei - Balkan. So wie Wein nur durch ein Zusammenwirken günstiger Einflüsse gedeiht, so gedeiht der Österreicher im Schmelztiegel germanischer, slawischer und romanischer Einflüsse. - Es ist das einzige Land, das von einem Fürsten regiert wurde, in dessen Reich die Sonne nicht unterging, Karl V. - Ihm entstammen hervorragende Weinhändler. Kurt Fallnit stammt aus dem Mostviertel. Möglicherweise geht folgende Geschichte auf ihn zurück.

"Ein Knabe machte sich den Jokus
und trank den Most im Keller.
Da plötzlich mußte er zum Lokus,
jedoch der Most war schneller."
Der Österreicher Kurt Fallnit aber tat etwas, was für den heimatverbundenen Österreicher sehr ungewöhnlich ist: Er wanderte aus. Das zeugt von Mut, Kühnheit und Unternehmenslust, etwas, was wir schon im Namen finden. Denken wir nicht, wenn wir ihn hören, an den, der ihn zuerst ausgesprochen hat? Es war in der antiken Mythologie der weise Dädalus, Erbauer des Labyrinths und Erfinder von Flügeln, mit denen man wirklich fliegen konnte. Als er diese seinem Sohn Ikarus anlegte, sagte er ihm noch vor dem Start: "Fall nit!" - Leider vergeblich, wie wir wissen. Er aber flog nicht einfach drauf los, der Sonne zu nah, sondern blieb bodenständig, und bei aller Kühnheit Realist. Immerhin ist er Weinakademiker! Offen gestanden, ich wußte bis vor kurzem gar nicht was, das ist. Wein-Akademiker, das ist nicht etwa eine diplomierte Heulsuse, sondern zeichnet Kurt Fallnit als soliden Kenner in allen Fragen des Weines aus. So lag seine Auswanderung auf soliden Grundlagen, und doch fragen wir uns: Warum wandert ein Österreicher ausgerechnet nach Deutschland aus?

Gewiß, Österreicher und Deutsche verbindet viel. Geht uns nicht das Herz auf, wenn wir uns beispielsweise auch einen gemeinsamen Alltag von Deutschen und Österreichern vorstellen? Beißen wir herzhaft in den Frankfurter Käsekrainer und trinken dazu einen Pilsdudler - sehen Sie, das ist es, was ich unter Deutsch-Österreichischer-Leitkultur verstehe. Und Ausländer, die zu uns kommen, die müssen natürlich unsere Sprache lernen. Nehmen wir beispielsweise ein Wort wie "leiwein", zusammengesetzt aus "leiwand" und "astrein", oder eine Wendung wie: "Dieser Pipifax geht sich nicht aus".

Und Österreichdeutschen, die sogenannten Ötschis, gab es schon sehr früh. Der bekannte Gletschermann war ein solcher, das ist eindeutig nachgewiesen. Man hat ja lange geforscht, welcher Nationalität Ötzi wohl angehörte, aber eines ist doch eindeutig: Er muß Österreicher gewesen sein; schließlich ist er von einem Gletscher überholt worden. Aber auch deutsches Blut muß in seinen Adern geflossen haben. Denn wer außer einem Deutschen würde schon die Alpen in Sandalen überqueren? Außerdem hatte er Hirn, anständiges Essen im Magen und wurde am Südhang gefunden; das wiederum spricht dafür, daß er ein Winzer war.

Weinanbau hat in Österreich bekanntermaßen Tradition. Schon die alten Römer sagten bekanntlich: In Vino Veritas - also: Im Wein liegt die Wahrheit. Ein seltsamer Satz, der verständlich wird, wenn wir verstehen, daß er so nur abgekürzt überliefert ist. Vollständig lautet der Satz In Vindobona Veritas. Vindobona ist der römische Name für Wien. Dort starb bekanntlich im Jahr 180 der erste österreichische Dichter, Marc Aurel, den Sie alle kennen als Vater von Commodus, des Gegenspielers vom "Gladiator", der dort auch, zumindest zum Teil, seine Betrachtungen verfaßte. Auch ein anderer römischer Dichter, Ovid, ist von diesem Geist beseelt. Ich zitiere freier aus seinem Werk "Die Kunst des Liebens":

"Mit Überfülle mußt Du die Freundin nicht bedenken,
gibt Erlesenes, und zeig Geschmack und Wahl im Schenken.
Schick Trauben guten Weines, dazu die feinen Nüsse,
und so erlangst von ihr du wunderbare Küsse."

So entwickelte sich durch die Poeten das, was schließlich den Grundcharakter eines ganzen Volkes prägte: Wein, Weib und Gesang. Übrigens: Am heutigen Tag, am 15.Juni, beging man im alten julianischen Kalender die Sonnenwendfeier, verbunden mit den Fruchtbarkeitsriten des Weingottes Dionysos. Wir feiern heute also gewissermaßen einen Weinfeiertag. Herr Fallnit feiert das auf seine Weise - ein kleiner Tip, im Mittelalter hat man zu diesem Anlaß Hahnenkämpfe veranstaltet. Der Hahn war, wie Sie wissen, als Traubenfresser unbeliebt, und deshalb wurde er sozusagen geschlachtopfert. Heute ist man von dieser Sitte etwas abgekommen; bestenfalls gibt es zur Feier des Tages gegrillte Hähnchen. Als ob Hennen und Hähne dasselbe wären! Dabei haben doch gerade die Österreicher auf unnachahmliche Art den Unterschied zwischen Hahn und Henne deutlich gemacht. Sie kennen sicher den berühmten Schüttelreim:

"Der Hahn, der hat an Hahnenkamm,
die Hennen leider kanen ham."

Aber entfernen wir uns von alten, heidnischen Riten. Wir befinden uns ja schließlich im gut katholischen Münsterland, und da hat der heutige Tag für den Weinhandel eine besondere Bedeutung. Man feiert nämlich am 15.Juni das Fest des heiligen Vitus oder auch Veit genannt, und das ist ein Weinheiliger. Bei den Winzern gab es nämlich früher den Brauch des "Veits-Dankes"; man stellte den Bildstöcken des Vitus in den Weinbergen bei gutem Wetter ein Glas Wein hin, bei schlechtem ein Glas Wasser. Und es gab die alte Winzerregel:
"Ist der Wein geblüht auf Sankt Vit,
so bringt er ein schönes Weinjahr mit."
Aber - vorsicht. Zu viel Wein soll man nicht trinken. Erstens wird man davon müde, und zum zweiten bekommt der Körper zu viel Flüssigkeit, mit zum Teil trüben Folgen, vor allem wenn sich das eine mit dem anderen verbindet. Der Heilige des heutigen Tages, Sankt Vitus, ist deswegen auch - kein Witz, das stimmt wirklich - der Schutzpatron gegen Schlafkrankheit und, da das eine das andere bedingt, gegen das Bettnässen. Auch dies haben die Österreicher in ihrer unnachahmlichen Art in Worte gefaßt.

"Heiliger Sankt Veit,
wecke mich, wanns Zeit,
obs früh ist oder spat,
daß nix ins Bett neigaht."

Übrigens haben die Österreicher ja auch ihre Heiligen, zum Beispiel den heiligen Florian. Auch ein Römer, und zwar aus Oberösterreich. Der war auch für die Winzer wichtig, denn sein Feiertag ist Anfang Mai. Und da der Mai für guten Wein bekanntlich nicht zu trocken sein darf, hat man gesagt:

"Wenn der Florian etwas weint,
wird gute Les im Keller vereint."

Aber eigentlich ist der Florian ja Schutzpatron der Feuerwehrleute. Sie kennen ja den Vers: "Heiliger Sankt Florian, bewahr mein Haus, zünd andre an." Typisch deutsch natürlich. In Österreich hat man einen anderen Spruch. Wenn die Feuerwehrleute dort nämlich nach getaner Arbeit einen guten Wein tranken, dann sagten sie:

"Wir fangen, lieber Florian,
jetzt mit dem zweiten Löschen an!"

Sehen Sie, meine Damen und Herren, bei so viel Versweisheit werde ich ganz neidisch. Ich bin nämlich gebürtig aus Erlangen, bei Nürnberg. Da wächst auch Wein, aber der Spruch ist ein anderer:
"Man muß Gott für alles danken,
selbst für den Wein aus Mittelfranken."

Aber das nur nebenbei. Kommen wir von den alten Römern zur Völkerwanderungszeit. So fielen zu Beginn des 5.Jh die Hunnen im Gebiet des heutigen Österreich ein. (Noch heute werden im Ausland, besonders in den USA, die Deutschen als "Hunnen" bezeichnet, anknüpfend an einen Ausspruch Kaiser Wilhelms II.) Tatsächlich heiratet Kriemhild den Hunnenkönig Attila oder Etzel. Wo? Natürlich in Wien! Beschrieben wird das im dem Nibelungenlied, das bekanntlich von zwei Dingen geprägt ist: Schlachten und Trinkgelage. Entweder floß das Blut in Strömen oder der Wein.

Im Mittelalter gab es übrigens großes Mißverständnis: Leopold der V., der im 12.Jahrhundert regierte, soll im Verlauf eines Kreuzzuges die Österreichischen Nationalfarben geschaffen haben, wie Abraham a Santa Clara überliefert, da sein weißes Hemd von Blut getränkt war; so wurde er Leopold der Tugendhafte genannt. Wenn wir aber bedenken, daß eben dieser Leopold vom Papst exkommuniziert werden mußte, so klingt das unglaubwürdig. Wahrscheinlicher ist, daß der trinkfreudige Leopold sich nicht zwischen rotem und weißem Wein entscheiden konnte, und daher beschloß, beide Farben in die Nationalfarbe aufzunehmen. Heute würde er wahrscheinlich bei MacDonalds Pommes rot-weiß bestellen.

Nach dem Ende der Babenberger beherrschten die Habsburger die Geschicke Österreichs und Deutschlands. Besonders hervorheben möchte ich dabei den Herrscher der zweiten Hälfte des 15.Jh., Friedrich III., genannt der Friedliche. Warum? Nun, seine Politik ist geradezu berühmt geworden, sie hat seinen Widersacher Matthias Corvinus von Ungarn, ein großer Weinfreund, zu folgendem berühmten Distichon angeregt - ich wieder zitiere die weniger bekannte Urfassung:

"Bella gerant alii, tu, felix Austria bibe!"
"Kriege mögen andere führen, du, glückliches Österreich, trinke!"

Wir müssen aber zugeben, daß es, was das Deutsch-Österreichische Verhältnis angeht, gerade in der Neuzeit auch zu zahlreichen Auseinandersetzungen kam. Bruderzwist gab es bekanntlich schon im Hause Habsburg. Nun aber zeigt er sich im Dreißigjährigen Krieg, im mehreren Erbfolgekriegen, im Gegensatz Österreich-Preußen. Denken wir nur an den Dauerstreit zwischen Maria Theresia und Friedrich II, die sich um Schlesien stritten wie Kinder um ein Schäufelchen. Nichts mehr von "Felix Austria Bibe". Die Spannungen wurden immer stärker und kulminierten schließlich 1866. Hier wurden Wunden geschlagen, die nie verheilten; man sollte auch bei Österreichern nicht nachfragen, denn die Antwort könnte ähnlich lauten, wie wenn man einen Gallier nach Alesia fragt: "Königsgrätz? Wir wissen nicht wo Königsgrätz liegt!" Aber ach, die Rache der Österreicher an den Deutschen war fürchterlich, und wenn die Deutschen sie geahnt hätten, so wären sie sicherlich behutsamer vorgegangen. Denken wir nur an Cordoba! (Krankl schoß damals das 3:2) - Und wie überflüssig war doch dieser Streit, nachdem man noch kurz zuvor in der Holstein-Krise gemeinsam gegen die Dänen zusammengestanden war. (Übrigens war die Rache der Dänen nicht weniger grausam; denken wir an die Färöer-Inseln! Österreich verlor damals 0:1) Nun der Gegensatz konnte nicht härter sein, Versöhnung war in weite Ferne gerückt. Hugo von Hofmannsthal brachte es auf den Punkt, als er sagte:

"Österreich ist ein Organismus, der wie eine Pflanze gewachsen ist, der Gott und der Natur das verdankt, was er ist. Preußen hingegen ist vom Mensch gemacht."

Doch die Neuzeit hatte auch andere Gesichter. Der Josephinismus verhalf der Aufklärung und zahlreichen Reformen zum Durchbruch. Unter anderem schaffte Josef II die Folter ab, zum Beispiel die sogenannte Thantalus-Folter (unerreichbares Weinglas). Wenn auch, das kann man sagen, im Zeitalter der Aufklärung mit der Säkularisation doch ein wenig das Kind mit dem Bade ausgeschüttet wurde.

Heute glücklicherweise besinnt man sich wieder auf die spirituellen Grundlagen des Lebens, gerade im katholischen Münsterland. Kurt Fallnit hat sich zum Motto seiner Weinhandlung einen Vers aus den Psalmen gewählt: "Der Wein erfreue des Menschen Herz." Ich möchte das neutestamentlich bestätigen und ergänzen: Jesus wird bei Matthäus 11 explizit als Weintrinker bezeichnet, und bekanntlich wirkte er sein erstes Wunder bei der Hochzeit zu Kanaa, wo er Wasser in Wein verwandelte, sechs tönerne Krüge, also ungeheuer viel, und dann auch noch, wie es ausdrücklich heißt, besonders guten. Einem Pfarrer, der von der Kanzel gegen den Alkoholkonsum wetterte, hat man dies vorgehalten, worauf jener ärgerlich erwiderte: "Na, damals hat unser Herr Jesus ja auch erst angefangen."

Meine sehr verehrten Landsleute, Sie sehen, das Verhältnis von Deutschland und Österreich ist geprägt von einer höchst wechselvollen Geschichte. Doch wenn wir den heutigen Tag betrachten und den Ort, an dem wir uns befinden, so kann man, was die Österreicher in Deutschland im Allgemeinen und was Kurt Fallnit im Besonderen betrifft, es kaum besser umschreiben als mit den Worten von Johann Wolfgang von Goethe aus Faust II: Wenn sich der Most auch ganz absurd gebärdet, es gibt am Ende doch e'Woin.

Markus von Hagen

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